Identity and City – Identitäten planen, aber wie?

Kann man Identität von Orten durch Planung und Architektur schaffen? Dieser Frage gingen wir beim Identity City Lab vom 5. bis 8. Juni 2013 in der Tabakfabrik Linz nach. Hintergrund dieser Fragestellung ist der interessante Imagewandel der Stadt Linz vom reinen Industriestandort und staubigen Stahlstadt zur Kultur und Kunststadt. Obwohl der Industriesektor in Linz nie wirklich an Bedeutung verloren hat und Linz nach wie vor viel mehr Arbeitsplätze als Einwohner aufweist sind es heutzutage Kunst und Kultur mit denen Linz auf sich aufmerksam macht. Der Preis für das sehr gute Arbeitsplatzangebot der ehemaligen Stahlstadt ist eine hohe Zahl an Pendlern die tagtäglich in die Stadt kommen. Stadt heißt opportunities, dh. viele Menschen werden angezogen, aber die wesentliche räumliche Entwicklung der Stadt aufgrund des stätigen Wirtschaftswachstums findet freilich nicht innerstädtisch statt, sondern an den Rändern von Linz, in der Peripherie in Form von Einfamilienhäusern und monofunktionalen Siedlungen.

In diesem Kontext stellen wir uns folgende Fragen, die mit der Entwicklung von Stadt auftauchen: 1. Ist prinzipiell eine stadträumliche und fußläufige erreichbare urbane Vielfalt in der Nähe des Stadtzentrums, dh. eine nach innen und auf räumliche Verdichtung ausgerichtete Stadtentwicklung möglich? 2. Schaffen wir die Mischung von Nutzungen, dh. können wir Erdgeschosszonen entwickeln und monofunktionale Wohnghettos vermeiden? Und 3. Mit welchen zeitgemäßen Instrumenten können wir diese Ziele erreichen?

Aus neuen Erfahrungen lernen
Das Identity City Lab setzte sich mit der Schaffung von Identität mit Hilfe kreativer und prozessorientierter Planungsinstrumenten in der Stadtentwicklung auseinander. Es sollten innovative Tools, Methoden der Stadtentwicklung und internationale Best Practice Beispiele in den lokalen Diskurs gebracht werden:

Den Einstieg in die Thematik lieferte Chris Müller über die Entwicklungsstrategie der Tabakfabrik und ihre Positionierung im System der Stadtentwicklung von Linz. Darauf reagierten Peter Arlt und Klaus Overmeyer in Form eines Streitgesprächs über die Kreativquartiere als die neuen Motoren des Stadtmachens. Zum Abschluss des ersten Tages sprach Kristian Koreman von ZUS architects über Crowdfunding in der Stadtentwicklung mit dem Beispiel einer Fussgängerbrücke als Impuls für die Wiederbelebung von Downtown Rotterdam. Die Finanzierung der 350 m langen Brücke will man durch den Verkauf einzelner Bretter sichern. Der Verkauf von Baumaterialen wurde auch die Verbundenheit der Käufern und dem Ort sichergestellt.

Roland Gruber von nonconform architektur eröffnete den zweiten Tag über die Arbeit der vor-Ort-Ideenwerkstadt und den Einsatz von partizipativen Planunginstrumenten im städtischen und ländlichen Bereich. Es geht um die Inklusion der Bürger in einem straff organisierten Planungsprozess inklusive kulinarischer Höchstleistungen im Suppenkochen. Mein kurzer Beitrag war die Vorstellung des Instrumentariums des Kooperativen Planungsverfahrens im Städtebau anhand des Entwicklungsprojekts für einen Teil des Hauptbahnhof Wien. Eine 14 ha große innerstädtische Brache wurde in Workshops gemeinsam mit den Stakeholdern entwickelt. Gleichzeitig wurden die Bedingungen für die Umsetzung im Sinne städtebaulicher Verträge festgelegt.

Der Schweizer Stadtplaner Philipp Cabane referierte über die Herausforderung der Entwicklung von Hafengebieten und präsentierte Projektbeispiele aus Caen und Basel (beide in Zusammenarbeit mit MVRDV, Rotterdam) und die Methode des dynamischen Planungsansatzes,  der sich vom Trend idealisierender Stadtbilder emanzipiert und den Städtebau einem dynamischen Verständnis von Wandel als vielfältiges Wirken von ebenso vielfältigen Akteuren versteht. Die deutsche Stadtplanerin Martina Baum lieferte einen Input zu den Potenzialen einer kontextbasierten strategischen Stadtplanung mit Beispielen aus Deutschen Städten. Um resiliente und zukunftsfähige Orte mit eigener Identität zu schaffen braucht es eine kontextbasierte Planung, Menschen die Stadt mit produzieren wollen und kooperative Prozesse, die dies ermöglichen. Der Linzer Stadtsoziologe Peter Arlt berichtete aus sieben Jahren Arbeit im Bereich Community Development im Linzer Franckviertel. Er sprach über die Kommunikation im Entwicklungsprozess, über seine Rolle als Begleiter.

Jose Luis Vallejo und Jorge Toledo García von ecosistema urbano schlossen die Inputsession über Ihre Methodik des Urban Social Design ab. Ziel dieser Methode ist es die  Selbstorganisation der Bürger zu forcieren und die sozialen Interaktionen innerhalb einer Gemeinschaften und ihrer Beziehung mit der Umwelt zu verbessern.

Raumlabor Hafenbecken
Das Hafenviertel bot sich als ideales Testfeld und urbanes Raumlabor an. Die Hafenbecken – industrielle Identität der Linzer seit mindestens 150 Jahren – wurden letztes Jahr teilweise verlandet. Gleichzeitig entwickelt die Linz AG in letzter Zeit Pläne, um den Standort strategisch neu zu positionieren. Daher wollten wir auch kein reines Stadtplanungsforum veranstalten, sondern ein Identity City Lab – ein mehrtägiges Event mit Workshops, Filmen und Lectures, um vor allem einen Austausch von Fachleuten, Bürgern und der Stadtverhaltung zu ermöglichen. Jose Luis Vallejo und Jorge Toledo García von Ecosistema Urbano leiteten den dreitägigen Workshop mit der lokalen Unterstützung von Christoph Wiesmayr von Architekturbüro Schwemmland. 30 Teilnehmer aus Linz, Wien, Innsbruck und Hamburg nahmen am Workshop teil und gaben ihre Statements zum Linzer Hafen in Form von sechs Projekten ab. Im Vordergrund stand die Verknüpfung des Hafens mit dem Zentrum, der Umgang mit dem Thema Wasser und die Einbeziehung vieler Nutzungen und Nutzergruppen. Zentrales Thema war vor allem der Zugang zum Hafen und die Notwendigkeit der Öffnung des Areals für die Öffentlichkeit.

Und was bleibt…
Das Identity City Lab hat besonders zwei Aspekte in der Stadtentwicklung unterstrichen, die wie ich denke gerade für Linz von Interesse sein können: Partizipation und der integrierte Planungsansatz. Stadtplanung passiert meistens in der Amtsstube, obwohl es Dynamiken und Prozesse draussen gibt, denen man keine Bedeutung schenkt, aber durchaus interessant Inputs für die Planung liefern könnten. Die Potentiale der Partizipation und das gemeinsame Finden von Lösungswegen im Entwicklungsprozess bringt eine völlig neue Qualität des Planens. Es schafft eine gewisse ownership der Stakeholder, welche die Projekte letztendlich tragen oder umsetzen müssen.

Die Erfahrung zeigt, dass Stadtplanung ein vielschichtiger Prozess ist, der die Zusammenarbeit vieler Sektoren notwendig macht. Prozessorientierte, kreative, bottom-up (Planungs-)Strategien und die Erweiterung um künstlerische Verfahrensweisen stellen alternative Methoden zur Entwicklung von räumlichen Strategien und städtebaulichen Veränderungen dar. Denn es sind nicht mehr eindeutige Handlungsstrategien einzelner Berufsfelder (z.B. ArchitektInnen, StadtplanerInnen, SoziologInnen, KünstlerInnen etc.) und Sektoren, sondern vielmehr interdisziplinäre Ansätze, welche Systemgrenzen spielerisch überschreiten und neue, kreative Entwicklungsszenarien für Orte und deren Identität ermöglichen. Der Integrierte Planungsansatz bedeutet, dass viele Sektoren und Akteure in der Stadtentwicklung zusammenarbeiten und gemeinsam Strategien entwickeln. Wenn man die Menschen mitreden lässt, führt das auch zur Identifikation mit den urbanen Projekten und trägt letztendlich zur Schaffung von Identität bei.

Dieser Text ist in der ersten Ausgabe des Linzer Magazin TREIB.GUT erschienen. TREIB-GOT ist ein unabhängiges Hafenmagazin für subversive Stadtentwicklung mit regionalen und internationalen Beiträgen. Gegründet wurde TREIB.GUT von Schwemmland.