Seefahrerlieder singen im Linzer Hafen

Für die industriell genutzten Flächen des Linzer Hafens im Besitz der Linz AG soll aufgrund der nach wie vor hohen Nachfrage an Logistikflächen ein zukunftsweisender Masterplan entwickelt werden. Mehrere Architektenteams wurden mit Studien beauftragt, um räumliche Visionen für die Hafenbecken zu entwerfen. Das Ziel der Linz AG ist es, mehr Entwicklungsflächen für den Hafen Linz zu schaffen. Der Entwicklung des Masterplans ging die teilweise Verlandung der Hafenbecken voraus; der Landgewinn pro Hafenbecken beläuft sich auf zirka zwei Hektar, macht insgesamt ca. sechs Hektar. Dieser Landgewinn entspräche einem netto Bodenwert von mindestens 35 Millionen Euro, wenn man Wohnungen und Büros entwickeln würde, dem steht ein Wert von 12 Millionen Euro bei der Entwicklung extensiver Logistikflächen gegenüber.

Das Planungsgebiet des neuen Masterplans hat eine Ausdehnung von zirka 40 ha inkl. Wasserflächen und ist in sieben Planungsabschnitte eingeteilt. Die Nutzungsvorstellungen der Linz AG für die zukünftige Entwicklung des Hafens sind noch nicht so klar, jedoch ist die grundsätzliche Ausrichtung auf Logistik beschränkt. Der Standort des Logistikzentrums am Wasser ist im übrigen unerheblich, denn es werden keine Güter über das Wasser angeliefert oder transportiert. Das heißt, es gibt noch einen gewissen Entwicklungsspielraum. Laut Josef Siligan, Leiter Infrastruktur & Technik 
am Hafen Linz, sollen Landzunge 1 und 3 als Kühlhochregallager genutzt bzw. der Containerterminal ausgebaut werden. Die Nutzung der ehemaligen Hafenbecken ist noch nicht fixiert, fest steht aber dass diese aus der Sicht der Linz AG ebenfalls als Logistikfläche genutzt werden soll. Die Nutzung der Landzunge 2, das ist der derzeitige Standort des Büros der Hafenaufsicht, könnte mit einem neuen Bebauungskonzept komplett neu entwickelt werden. Von der Linz AG wird jedoch die Wohn- und Freizeitnutzung als Entwicklungsszenario ausgeschlossen, denn dies entspricht nicht der derzeitigen Flächenwidmung.

Grundsätzliche Städtebauliche Überlegungen

An der Industriezeile besteht lt. Linz AG ein erhöhter Gestaltungsaufwand, denn die Stadtregierung will die Straße als eine Art Schnellstraße für Güterverkehr auf vier Spuren ausbauen. Entlang der Industriezeile sollen schönere und höhere Gebäude in geschlossener Bauweise errichtet werden. Die uneingeschränkte freie Sicht zum Wasser wird Geschichte sein, jedoch sollen einige Sichtachsen den Bezug zur Donau und dem Linzer Hafen erhalten. Auch das Hafenverwaltungsgebäude soll nach vorne an die Industriezeile wandern, als Repräsentation und Präsenz am Boulevard. Dahinter ist aber Öffentlichkeit nicht erwünscht.

Im Planungsgebiet haben sich trotz eindeutiger Industrie-Zonierung kleinteilige Kultur- und Freizeitnutzungen eingenistet. So sind auf der Landzunge in einem der Gebäude Proberäume untergebracht. Auf dem Trenndamm gibt es Freizeitanlagen und einen Modelflugzeuglandeplatz. Ein Nutzer veranstaltet einmal im Jahr das Linzer Hafenfestival – ein temporäres Happening mit Bands etc. Der Posthof befindet sich ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Planungsgebiets. Das ruhige Künstlerkollektiv times-up hat ihre Werkstätten auf der Landzunge. Das soll auch so bleiben, ein Geheimtipp!

Mehr Potentiale als die gültige Flächenwidmung

Die Entwicklung des Standort Hafen und dessen Nähe zur Innenstadt – in nur zehn Radminuten erreicht man über die Tabakfabrik und Lederergasse den Linzer Hauptplatz – hätte viele Potentiale: Vor allem auf Höhe des mittleren Beckens könnte man den öffentlichen Charakter besonders hervorheben und Sichtbeziehungen Richtung Donau schaffen. Man könnte die Landzunge öffentlich zugänglich machen und öffentliche Nutzungen wie z.B. Freizeiteinrichtungen unterbringen. Vor allem die Wasserflächen würden den Linzern ein spannendes Ambiente bieten – vor allem im Sommer. Im Hafen selbst dh. genauer gesagt im Hafenbecken könnten temporäre Freizeitnutzungen angeboten werden, die das Areal mit seiner außergewöhnlichen Aufenthaltsqualität für die Linzer Bevölkerung zugänglich machen. Eine große schwimmende Plattform mit Café, Künstlerwerkstatt, schwimmendes Seminarzentrum würde neue Impulse geben. Aber auch im Winter könnte man einen abgegrenzten Bereich als natürliche Eislaufläche nutzen. Es könnten aber auch gezielte Öffnungen und kleinteilige Interventionen am Festland vorgesehen werden! Eine Aussichtsplattform auf den Verwaltungsgebäuden oder sogar ein Besuchersteg über den Dächern bzw. von Dach zu Dach wäre interessant. Zumindest wäre die öffentliche Durchwegung durch das Gebiet und die Einbindung in ein übergeordnetes Wegenetz anstrebenswert. Eine Straßenbahn könnte temporär den Standort Hafen mit der Tabakfabrik verbinden. An Ideen mangelt es nicht.

Auch wenn der Hafen derzeit als mischgenutzte, innenstädtische Erweiterungsfläche außerhalb des Interesses der Stadt liegt, ist es aufgrund der räumlichen Nähe zum Zentrum und den generell beschränkten Expansionsmöglichkeiten der Stadt ein Potential für die künftige räumliche Entwicklung von Linz. Vom Immobilienwert abgesehen würde die Mischung von Wohnen und Arbeiten an ausgewählten Standorten viel zur Lebensqualität einer zukunftsorientierten, verdichteten Stadt mit reduzierten Individualverkehr beitragen.

Über das Zusammenarbeiten und den Planungsprozess

Im Herbst wird die Linz AG einen Sieger aus dem sehr stillen, ja sogar fast heimlichen Verfahren für die Entwicklung des Hafens küren. Die Stadt wird ihren Weg der top-down Planung nicht verlassen, denn zu wichtig ist der Stadt die Beibehaltung der Lagerflächen die weder Arbeitsplätze, aber viel Verkehr erzeugen. Es wäre wünschenswert wenn die Linzer Stadtplanung Interessensgruppen für die Entwicklung des ganzen Hafenviertels identifizieren und diese in dessen Entwicklung unter fachlicher Begleitung von Stadtplanern einbeziehen würde. Die im Identity City Workshop vorgeschlagene sogenannte Donaukuchl, dh. eine längerfristige, prozessorientierte Begleitung der Planungstätigkeiten für die Entwicklungsflächen im Hafen Linz mit Hilfe einer Infobox und temporärem Workshopzentrum inkl. Restaurant und Bar könnte als Ort für die Entwicklung gutüberlegter urbaner Strategien dienen – inklusive kulinarischer Köstlichkeiten, erfrischenden Diskussionen und hoffentlich vieler Seefahrerlieder.

Aufgezeichnet in Washington, DC am 26. August 2013.

R. Krebs, 2013.